Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt.

Herr Viola, Ihre letzte Ausstellung in New York zeigten Sie unter dem Titel: Körper des Lichts. Da reihen Sie in der James Cohan Gallery in Chelsea einen kleinen Raum an den anderen.  Diese Anordnung erinnert mich an die Kapellenkränze in einer gotischen Apsis. Mal zentral ein einzelnes Werk wie eine Skulptur, mal ein komplexeres wie ein kleiner Flügelaltar, mal sind mehrere zu sehen. Alle zelebrieren sie das Licht, mal schwarz-weiß, mal farbig, immer beeindruckend. Jeder Raum besitzt eine eigene Atmosphäre von dichter Konzentration. Und alle Arbeiten verhandeln Verwandlungen, Transformationen von menschlichem Leben und seiner Erfahrung. Eine neue Form sakraler Räume, eine sehr subtile Weise, Religion zu inszenieren, ein Thema, das Ihnen nicht fremd ist. Wie verstehen Sie Religion? Was bedeutet sie Ihnen?

Bill Viola: Nun, ich denke, Religion hat mit dem Kern des Menschlichen zu tun, und mit der Kunst, sie auszudrücken. Ich denke dabei nicht nur an die bildende Kunst, sondern an jegliche Art von kulturellem Ausdruck, an Wissen, an Wissenschaft, an Technologie. Alles resultiert aus diesem Sinn für Wunder und Furcht.

Friedhelm Mennekes: Und Furcht?

B.V.: Ja klar, die Furcht davor, von den überwältigenden Kräften der Naturgewalten vernichtet zu werden. Ich denke, die Religionen vermitteln den Menschen ein tieferes Verstehen dieser Kräfte. Sie lassen ihn begreifen, dass das menschliche Leben selbst nur ein kleiner Teil eines übergeordneten Kosmos und Naturordnung ist

F.M.: Nur wenige Künstler befassen sich heutzutage mit der menschlichen Existenz. Freilich, Sie tun es, immerzu. Ihr Werk behandelt Aspekte des Menschen und der Menschlichkeit. Und sie schauen dabei immer über die direkte Erfahrung hinaus. Dabei kommen Sie immer auch auf die Religion zu sprechen. Ein für Sie wichtiger Aspekt.

B.V.: Ich denke, jede Idee von Religion ist in sich komplex. Für viele Menschen geben sie einen institutionellen Rahmen ab. Das gilt besonders für die großen monotheistischen Glaubenssysteme, für Christentum, Judentum und Islam. Und in der Tat, sie stecken für die Menschen soziale Strukturen ab, innerhalb dessen sie ihr Leben verstehen und führen. Aber es gibt natürlich auch die andere Seite, die mich mehr interessiert, und das hat mit dem Entstehen von Religion zu tun. Das beginnt mit einem kleinen, sagen wir mal, Funken, der überspringt und uns eine Inspiration verleiht, eine Art Lebensimpuls, wie wir ihn zuvor nicht kannten. Wenn wir das Leben durchgehen, vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter, dann werden wir uns solcher Lebensimpulse bewusst, wie sie uns mit erleuchteten und im wahren Sinn des Wortes mit Leben versorgen. Das genau ist dann der Grund, dass uns diese riesigen Institutionen später mit den vielen Synagogen, Gotteshäusern, Tempeln und Kapellen in all den Kulturen versorgten, in Indien, China, Europa, Afrika, Amerika. Und so glauben die Menschen an etwas, das größer ist als sie selbst. Aber, meiner Meinung nach, der Anfang von all dem liegt in unserem Inneren, in einer Art ganz ursprünglichen Aufscheinen.

F.M.:  Ich verstehe. Sie sehen hier den phänomenologischen Anfangsimpuls, der sich später dann in den verschiedenen Kulturen in verschiedene Richtungen differenziert. In Asien sind des Buddhismus, Schintoismus und Taoismus; in anderen Gegenden sind es die großen monotheistischen Systeme. Was bleibt an Gemeinsamkeit zwischen ihnen?  Was ist der religiöse Kern? Religion als Selbsttranszendenz des Menschen, wie die Soziologie sagt? Im menschlichen Ringen um Glück und Schönheit inmitten von Leiden, Angst und Enttäuschung? Religion als das andere Sehen, das Sehen mit dem Herzen, von dem Saint-Exupéry im Kleinen Prinzen spricht?

B.V.: Ich möchte es mit einem Wort von Dschalal ad-Din ar-Rumi (1207-1273) sagen, dem großen persischen Sufimeister, Dichter und Mystiker. Er spricht einmal davon, dass die Wunde der Ort ist, an dem das Licht in uns eindringt. Das sind die kleinen Öffnungen, die ein jeder haben muss. Da muss etwas sein, das unser Herz öffnet. Du musst Dein Leben für das Universum verwundbar machen, für die natürlichen und geistlichen Welten. Und diese kleine Art von Wunde ist der tiefste Ort, von dem all dieses Denken von Transzendenz und geistlichem Leben ausgeht. Dieser Aspekt in uns selbst, diese Art von Stärke ist notwendig, um diese Fähigkeit zu erwerben, sich überwältigen zu lassen. Wie Sie wissen, lebten meine Frau Kira und ich 1980/81 gut ein Jahr in Japan. Dort hatten wir auch einen Zen-Meister. Wir studierten diese Weisheit bei einem wundervollen Menschen, Dian Tanaka mit Namen. Damals zeigte ich ihm meine Arbeit als Künstler und sprach zu ihm von dem, was mir bei einigen Arbeiten Probleme und Fragen bereitete. Darauf sagte er zu mir etwas sehr Besonderes, das ich zuvor noch nie bedacht hatte. Er sagte, mir: Du musst lernen, vom Standpunkt der Schwäche aus zu arbeiten. Das hatte mir nie ein Kunstprofessor gesagt. Wir Künstler denken doch immerzu nur daran, Meisterwerke zu schaffen. 

F.M.: Klar, das große Werk, das super Ding.

B.V.: Er sprach zu mir, dass du dich selbst innerlich völlig zu leeren hast. Du musst Dich verloren fühlen. Erst wenn das zur Erfahrung wird, ist dir die Zeit gegeben, in der du wirklich den sog. Sprung in den Glauben wagen kannst. Alle guten Künstler, die größten unter ihnen kamen und kommen irgendwann an eine Grenze, an eine Klippe, wo sie feststellen, dass sich da ein großer Abgrund zwischen ihren Möglichkeiten und ihren Träumen auftut. Der ist nicht zu überbrücken. Hier reißt die Verbindung ab. Man muss einfach springen. Das zeigt sich bei allen großen Künstlern, bei Titian, bei Michelangelo, bei Raphael bis hin in unsere Tage. Das ist es, wenn du über das hinausgehst, was du gerade denkst und fühlst. Du bis eben nicht nur an dein Training, an die technischen Fertigkeiten deines Berufs gebunden. Du bis eben manchmal eine Überraschung. Das ist ein wundervoller Augenblick, aber es ist schwierig. Oft kommst du an einen Scheitelpunkt und willst nicht weiter. 

F.M.: Diese Krisen sind wie Wunden. Sie konfrontieren dich mit den tiefsten Schichten Deines Selbst. Du musst deine Grenzen begreifen und deine Chancen entdecken. Wenn du dann aber handeln und dich entscheiden musst, siehst du dich umstellt und getragen von der Tradition und der Sprache, deiner Erfahrung und deinem Glauben, bist getragen von deinen Grundsätzen, deinen Bildern und deiner Lebensweisheit. All dies bildet das Rahmenwerk, das hilft, uns selbst und unser Umfeld zu verstehen.  Es gibt Impulse für das Handeln und Verhalten. Oder?

B.V.: Mir gefällt das, was Sie da gerade sagen. Ich mag sie sehr, diese Idee von dem Samenkorn in einem Garten. Dies ist der Ort, wo die Saat wachsen und reifen kann. Und plötzlich ist dann ein Frühling da und du hast hier diese unglaublich bunten Blüten und reichen Früchte. Aber der Kern ist das Samenkorn, das in die dunkle Erde gelegt und begraben wird, eine Welt, die niemand kenn, um die niemand weiß. Du gehst darüber mit deinen Füßen. Das ist das Bild von dem fruchtbaren Ort, der uns die tiefen Erfahrungen und Visionen für das Transzendente erhält, das Auslangen nach dem, was größer ist als wir selbst. Du siehst das nur in solchen Bildern. Rumi hat hier noch ein anderes schönes Wort. Er sagt:  Wer in diesem Garten schläft, wird von der puren Freude geweckt. Wer für den, der im Gefängnis schläft, ist der Weckruf eine Schock.

 

F.M.: Das erinnert mich an eines ihrer früheren Werke, an den Room for St. John of the Cross, 1983.

B.V.: Ja, da ist ein Bezug.

F.M.: Ein sehr anregendes Werk, voller inspirierender Bilder und Anregungen für die Konfrontation zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, dem Mönche und der Kirche, dem Mystiker und der Inquisition.

B.V.:  Wir müssen diese Konflikte vor dem Hintergrund des unsichtbaren Teils des Gartens und seiner Saat sehen.  Die ist noch nicht völlig ausgebildet. Und das ist an ihr so faszinierend, so wundervoll. Die Saat besteht in den vergrabenen Geheimnissen unseres Selbst, den Buried Secrets (der Name eines Kunstwerkes von1995). Und wir brauchen ein ganzes Leben, um das zu verstehen.

F.M.: Was mich in all den Jahren, die ich Ihr Werk verfolge, stets erneut berührt, sind zwei Punkte. Auf der einen Seite ist es die Weise, wie Sie die Aspekte des Lebens einbringen und befragen, die Geburt, den Tod, das Leiden, die Hoffnung, die Verwandlungen...

B.V.: ... ja,

F.M.: ... auf der anderen, wie sie die in neue künstlerische Formen bringen. Einmal sind es die Grundfragen des Lebens, wie Sie sie immer wieder in religiöse Perspektiven auslaufen lassen, dann aber diese gewaltigen Bilder, den geistigen Feuer brennenden Menschen, das Lebenselixier des Wassers, das trägt, verwandelt aber auch allen Kampf und Widerstand herausfordert. In ihrer Kunst schaffen Sie Bilder, die den Zeitgenossen dramatisch bedrängen und ihn vor die tieferen Schichten seiner Lebenswelt stellen. Als Künstler sind Sie so etwas wie ein kultureller Unternehmer, dem es darauf ankommt, dass quer zu den Kunstgattungen solche neuen Bilder für den modernen Menschen auftauchen. Sie öffnen damit neue Fragen und neue Auseinandersetzungen. Es sind strenge und mächtige Schöpfungen. Sie verhandeln die Bilder der Kunstgeschichte ebenso wie die neuen Möglichkeiten der Wissenschaften und der Technologie.

B.V.: Schön, dass Sie das so sehen. Ich habe das bislang so noch nicht gehört. Und was mich dabei berührt, ist der Punkt, der für mich sehr bedeutsam ist, die absolute Einheit von Technologie und spirituellen Impulsen. Diese beiden Seiten gehören in meiner Sicht zusammen. Sie bekämpfen sich nicht, sie hängen absolut zusammen. In meinem Studio ging es in meiner Arbeit buchstäblich darum, neue Bilder zu machen, die über ihre rein technischen Möglichkeiten hinaus gingen. Sie kamen meinem Herz und meinem Verstand nicht nah genug. Und das ist ein Punkt, der mich in meinem Beruf als Künstler in den letzten rund vierzig Jahren immer wieder beschäftigte. Immer wieder während den letzten 37 Jahren meiner Karriere kam ich dabei an Punkte und Augenblicke, von dem aus ich den Sprung nach dieser neuen Art von Bild wagen musste.

F.M.: Sie sprechen von neuen technologischen Innovationen, die zu sehn ermöglichen, was zuvor unansichtig war? Wissenschaft als ein neuer Weg zu einer erweiterten Spiritualität?

B.V.:  Ja, diese neuen Technologien haben in unserer Kultur ein unglaubliches Potential, und bislang Ungesehenes vor die Augen und vor die Sinne zu stellen. Und das passiert auf Wegen, an die wir bislang nicht einmal gedacht haben. Denken Sie nur an jene Szenen an der Kasse eines Supermarktes. Da sehen sie einen jungen Mann mit Stöpsel im Ohr. Er ist an der Reihe, der bezahlt, gleichzeitig telefoniert er, spricht mit der Kassiererin, bezahlt seine Dinge, packt seine Sachen ein und geht nach Haus. Vor hundert Jahren hätte man gedacht, der Kerl ist verrückt. Er lebt auf dem Mond, wie geistig verstört. Mit wem redet er eigentlich? Wir haben heute wie in psychiatrischen oder mystischen Situationen mit anderen Menschen über riesige Distanzen hinweg zu sprechen. Sie leben in New York und sprechen mit ihrer Mutter,  die gerade in Deutschland ist. Früher hätten sie für sowas zum Schamanen gehen müssen. Heute nehmen Sie ihr Nokia Handy und tun es.  Die neuen Technologien machen es möglich. Sie erfülle tausend Jahre alte Träume, verbinden die Menschen über große Distanzen. Zugleich kannst Du jeder Zeit das Gesicht deiner Mutter sehn. Das ist wirklich tiefgreifend, was da geschieht. Und doch glaube ich, da gibt es noch ganz andere, größere Möglichkeiten, die die rein funktionale Nutzung übersteigt. Es kann damit noch viel tiefer gehen. Und diese stammen letztlich aus der menschlichen Sehnsucht, sie kommen direkt aus dem Herzen. 

F.M.: Was mich an Ihrem Werk besonders berührt, ist seine offensichtlich tiefe Verwurzelung in Ihrem eigenen Leben, in ihrem Leiden an den inneren Fragen und Konflikten, aber auch davon, dass Sie sich immer wieder überwältigt zeigen von den Entdeckungen in ihrer tieferen existentiellen Erfahrungen. Hier denke ich an die oft wiederkehrenden Bilder vom Kampf eines Menschen in tiefem Wasser. Es ist wie ein persönlicher Kampf um Sein und Nichtsein am Rande des Lebens. Weitere Beispiele sind das direkte Miterleben der Geburt Ihres ersten Sohnes Blake oder Zeuge des Sterbens Ihrer Mutter zu sein. Sie scheuen sich nicht, sich zu diesen fundamentalen  Verdichtungen des Lebens als Basis für Ihre Arbeit als Künstler zu bekennen. Eines ist es, solche Lebensverdichtungen zu durchlaufen, etwas anderes aber, sie auch im richtigen Licht zu interpretieren. Inwieweit hilft Ihnen dabei die Religion?

B.V.: Nun, ich denke, das ist eine wirklich gute Frage. Jeder macht auf seine Weise diese Erfahrungen, die Sie ansprechen. Sie gehören zum menschlichen Leben, äußerlich wie innerlich, seelisch. Das aber ist das Wunderbare an diesen erweiterten, geistlichen und kosmischen Kreisläufe. Sie begleiten unser Leben, gestalten es und führen uns, ohne dass wir uns das ausdrücklich bewusst machen müssen. Das ist das Schöne daran. Dann aber ist da eine Gruppe von Menschen, die sind von Natur aus neugieren. Die möchten davon ein wenig mehr verstehen. Wohin geht meine Mutter, wenn sie stirbt? Mein ganzes Leben war sie zugegen. Aber an welchen Ort ist sie jetzt gegangen? Wo ist er? Das sind diese uralten Fragen, die wir verstehen und beantworten wollen.

F.M.: Lassen Sie mich eine ikonoklastische Frage stellen. Sie befassen sich mit vielen Bildern und Symbolen: Hoffnung und Metamorphose, Auferstehung und Wiedergeburt zum Beispiel etwa. Um diese alten Themen auf eine neue Weise auszudrücken, benutzen sich neue Ausdruckssysteme, eine neue Bildgrammatik. Ein Element ist dabei immer wieder das Wasser. Es ist ein Bild für das Waschen, für Reinigungsriten, Erneuerung und Wiedergeburt. Das Wasser ist eines der vier oder fünf Elemente. Es steht christliche gesehen in engem Zusammenhang mit der Taufe, mit der Transformation des Lebens. Es hat eigene Energien, geistige Kräfte und geistliche Inspirationen. Wie sehen Sie diesen ausdrücklich christlichen Zusammenhang in Ihrem Werk?

B.V.: Nun, die Taufe hängt mit der Vorstellung von Geburt zusammen. Da tritt buchstäblich neues Leben in das alte ein. Die Glaube, die Feier der Taufe wird mit dem Prozess der Geburt geradezu gleichgesetzt. Auch das Kind lebt vor seiner Geburt neun Monate in diesem Wasser, umgeben von Dunkelheit, aber gleichzeitig hört es hier seine ersten Töne. Dann wird es geboren und in diese kalte und helle Welt gesetzt. Das Ganze wird schließlich in der christlichen Taufe sakramental wiederholt. Doch diese transformative Kraft des Wassers war schon vor dem Christentum bekannt. Die Menschen verhandelten in den Wasserriten eine Art von Reinigung. Deswegen findet man das Wasser auch sind in allen Religionen der Welt bekannt, selbst in den frühen. Es ist die physische Symbolik der lebendigen/vitalen? Kraft des Lebens selbst.

F.M.: Die Bibel ist voll von Geschichten und Bildern, die mit dem Wasser zusammenhängen- Denke Sie etwa an die Geschichte vom Durchzug durch das Rote Meer (Exodus...). Das gleiche gilt aber auch für Ihr Werk. Schon ihr früheres Video Crossing, 1996, handelt von einer Art Wiedergeburt des Menschen, aber auch neuere Arbeiten tun das, wie die in Ihrer New Yorker Ausstellung. Ich denke da an die sehr komplexen und schönen Bilder in Ihrer Installation unter dem Titel Pneuma,1994/2009. Das Wort „Pneuma" ist tief in der griechischen Sprache verwurzelt. Es beschreibt den Beginn des Lebens ebenso wie den Geist, der es als eine fundamentale Form treibt, denn es hat mit Bewegungen in der Welt zu tun, mit Wind, Strömungen, Atem. Es ist ein Wort für die kreativen Kräfte, für kosmische Substanzen, für Gottes Gegenwart in der Schöpfung. Ihre Installation Pneuma nimmt einen ganzen Raum ein. Sie spielt auf allen vier Wänden. Doch nichts ist dabei klar und gleich verständlich. Es sind eigentlich auch keine Bilder, allenfalls Anspielungen in traditionellen Formen, wie Schwarz/Weiß, Hell/Dunkel, Licht/Finsternis, Schweigen/Ton - wie im lebendigen Rhythmus eines Pulsschlags. Der Besucher taucht hier in undefinierbare Bewegungen ein, in diese irgendwie lebendige Bildwelt um sich herum. Lange im Dunklen und Unerkannten verdichten sich seine Wahrnehmung mitten im Dunklen und lebendigen Zwielicht zum Bild eines kleinen Fötus‘ unter dem Herzen einer Mutter, dann wieder erweckt sich mitten im Schwarz ein nicht erlöschendes Licht: das Licht im Wasser? Das Wasser als Licht? 

B.V.:  Nun, über das, was Sie sagen, könnte ich lange reden. Ich wurde einst stark berührt von einem andalusischen Sufi-Meister aus dem 13. Jahrhundert, von Ibn Arabi (1165-1240). Er spricht einmal über die drei großen Reservoire des Menschseins: die Ungeborenen, die Lebenden und die Toten. Das hatte mich wirklich bewegt. Er sprach zudem davon, dass das Selbst wie ein großes Meer ohne Ufer ist. Es hat keinen Anfang und kein Ende, weder in dieser Welt noch in der nächsten. Also spricht er von uns als ewige Wesen. Weil wir aber in der physischen Welt leben, sind wir und in unseren Körper eingebunden, sozusagen ‚eingefleischt‘. Nach und nach wird dieses Leib aber abgenutzt und zerfällt zu Staub. Wir reden hier über Dinge mit Begriffen aus unserem eigenen Leben als Menschen. Letztlich sind wir umgeben von einer ganzen Welt, die uns umschließt. Und das macht uns ewig, dieses große, unendliche Reservoir, dieses endlose Meer - ein mächtiges. 

F.M.: Und Pneuma ist getragen von dieser großen Idee, vom Kommen ins Leben, von der Schwelle zum Sein, vom Ruf ins Leben?

B.V.: Ja, diese Bilder haben für mich mit dem Übergang von Leben und Nichtleben zu tun; oder in anderen Worten bewegen sie sich in den Zwischenbereichen von Substanzlos und Wirklich, vom unsichtbar Inneren und vom Bildhaften, wirklichen Leben. Sie sind innerpsychische Bilder in einem noch unförmigen Zustand.

F.M.: Einige Bilder in dieser Ausstellung - ich denke hier vor allem an die Installation Poem B (The Guest House) (2006) und an die Arbeit Bodies of Light, 2006, - sind also so was wie offene Bilder? Ihre Bedeutung ist eher vage? Sie machen also keine klaren Aussagen, die man verstehen würde, wenn man sie betrachtet?

B.V.: Ja, manchmal sieht man Menschen mit Blumen, dann Türen und Häuser und dieses  permanente Kommen und Gehen. Diese Bilder entstammen mehr der Erinnerung als der Wahrnehmung, übrigens wirklich ein wichtiges Thema in unseren Tagen, zumal dann wenn ich an die Geschichte des Christentums denke und an die Idee der Memoria, diese Idee der Erinnerung. Auch die Sufis sprechen von dieser Art der Erinnerung an Gott. Also die Memoria ist hier sehr, sehr wichtig.

F.M.: In unseren Tagen sind wir an schnelle Information gewöhnt, da dominieren die Impulse für unser Handeln, für unsere Entscheidungen, etwas dies oder das zu wählen oder zu kaufen.

B.V.: In unserem Zeitalter der Information ist es schwer zu verstehen, dass buchstäblich in Informationen untergehen, dass die Mächte um uns herum - diese großen Produktions- und Wirtschaftsmächte - überfluten uns mit so vielen Details, so vielen Informationen, dass wir kaum noch Zeit haben für uns selbst. Also all diese leeren Bilder, die Sie hier sehen, alle diese flimmernden kleinen Lichtpunkte; sie tauchen auf und wir werden von ihnen bis in unsere Gedanken hinein bestimmt. Also diese Videos sind eine Art Gedächtnistheater, das uns in diesem Moment erlaubt, dies alles auch zu sehen. Sie sehen diese Dinge in diesen Arbeiten, die Sie sonst nicht sehen, weil uns die Informationen darüber fehlen.

F.M.: Das lateinische Wort ‘memoria' steht im christlichen Sinn immer für bestimmte Inhalte des Glaubens, aber es weist immer auch auf die aktive Kraft hin, diese Inhalte zu erkennen, den ‚Geist‘, das ‚pneuma‘, also eine aktive Dynamik des Verstehens. In diesem Sinn treibt, inspiriert und lenkt dieses ‘pneuma' den Lauf des Lebens. Es ist eine kreative Energie, die im Sinne eines Psalmwortes dem Menschen ständig „die Jugend wie ein Adler erneuert" (103,5). Hat auch ein solches Verständnis Einfluss auf das Entstehen Ihre Bilder?

B.V.: Aber natürlich, völlig. Ich denke, ‚meine‘ Bilder sind nicht meine Bilder. Klar, ich habe sie technisch geschaffen, aber bevor ich sie alle gemacht habe, sah ich sie. Sie kamen zu mir. Manchmal sogar traten sie erst nach langen Kämpfen und Findungsversuchen in mich hinein. Wie Sie wissen, habe ich meine Studien dazu gemacht, denn normalerweise arbeite ich nicht in meinem Atelier. Dort bin ich nur, wenn ich genau weiß, was ich will, wenn ich sie konzeptualisiere und auf einem sehr hohen Niveau technisch umsetze. Aber die meiste Zeit verbringe ich an schönen Nachmittagen mit meinem Tee und meinen Büchern. Hier mache ich wirklich meine Kunst. Dabei hat vieles mit Warten zu tun und mit inneren Vorbereitungen, eine grundlegende Bedingung für mein Arbeiten. Also ich bin nicht der Ansicht, dass meine Bilder mir gehören. Es sind ‚meine‘ Bilder nur in dem Sinn, dass irgendetwas in mich eintrat, ich konnte es klar genug sehen, um genau zu wissen, wohin ich die Kamera zu stellen hatte und ansonsten meine Technologie einzusetzen.

F.M.: Immer wieder, wenn wir uns treffen und zusammensitzen, berühren wir im Gespräch diesen Punkt: Die Art, wie sie sprechen, fühlen und denken, kommt für mich der eines Mönchs nahe. Oft sind es die gleichen Figuren, die uns berühren: Meister Eckart (1260-1328), Caterina von Siena (1347-1380), Johannes vom Kreuz (1542-1591) oder auch andere. Ich erfahre Sie als einen durch und durch spirituellen Menschen. Wie traten diese Einstellungen und ihr religiöses Wissen an Sie heran? Haben Sie Religionsgeschichte studiert?

B.V.: Ja, als ich an er Syracuse Universität studierte, belegte ich auch einen Kurs in Religion.  

F.M.: Darunter verstehe ich zunächst religiöse Wissensvermittlung. Gab es auch so etwas wie eine spezifisch geistliche Sensibilisierung für entsprechende Erfahrung oder Einsichten? Was brachte Sie als Künstler dazu, ein Werk wie Pneuma zu konzipieren?

B.V.: Ich wurde zur richtigen Zeit geboren. Der religiöse Glaube stand damals, gegen Ende des 20. Jahrhunderts bereits und steht bis heute in einer Krise. Ich höre dabei viel von meinen Freunden, besonders denen aus der christlichen Welt. Sie erzählten, wie viele kirchliche Gemeinschaften zunehmend Mitglieder verlieren. Dennoch fand ich aber, dass diese Zeit, von der wir reden, eine Zeit spiritueller Erneuerung war. Persönlich gesprochen, habe ich als Mitglied der Episcopal Church meine religiöse Prägung aufgegeben. Als ich noch jung war, ganz plötzlich auf dem Weg hinaus in die Welt, da fand ich in den Buchläden meiner Universität, entdeckte ich Leute wie Rumi, den islamischen Dichter und geistlichen Denker, ich entdeckte den Dominikanermönch Meister Eckart. Ich fand zu diesen unglaublichen Mystikern. Genau genommen behandelte mein Kurs in Religion die Mystik, und das war für mich etwas sehr Interessantes. Ich glaube, die Mystik hat einen ganz besonderen Platz in unserer Kultur heute. In unserer Zeit und in der Zukunft geht es vor allem darum, eine Balance zwischen dem Spirituellen und dem Materiellen zu finden. Viele Impulse gehen dazu von ihnen aus. Die Mystiker haben vieles gemeinsam mit den gegenwärtigen Künstlern.

F.M.: Sie haben kein Sicherheitsnetz. Der Künstler von heute ist kein Angestellter des Staates, der Kirche oder einer Firma. Und nichts garantiert ihnen den Erfolg.

B.V.: Ja, wir sind schon vor einiger Zeit aus den alten Palästen hinaus geflogen. Die Einzigen, die im gegenwärtigen Kultursystem etwas gelten, sind die, die gesellschaftlich oben auf dem Gipfel stehen, wo auch ein Michelangelo oder Raphael waren, heute sind das etwa die kommerziellen Filmemacher, Leute wie Steven Spielberg. Er kann zu jeder Zeit im Weißen Haus ein- und ausgehen, wie er will. Ich kann es nicht. Zur Zeit der Renaissance konnten meine Kollegen in den Palast der Medici gehen und Gehör finden. Wir Künstler von heute werden in so eine Art Club der Verstoßenen gesteckt, was allerdings auch eine Art von Einfluss und Macht verleiht. Es ist wie mit den Mystikern, die ebenso beiseite behalten wurden, weil sie verrückt waren. Sie kümmerten sich nicht um die Ordnungen des Althergebrachten und jeglicher Art von Orthodoxie. Ich denke, das ist eine sehr interessante Analogie, denn der Weg nach vorne verläuft aus amerikanischer Sicht über das Individuum, und der ist, sagen wir mal, nicht gerade gesund, wenn auch manchmal unumgehbar. Zu Zeiten großer Umwälzungen, auf welchem Gebiet auch immer, gibt es immer wieder bestimmte Gruppen von Einzelgängern, die sehen, was der Gesellschaft im Ganzen verborgen bleibt. Die Institutionen sind dabei oft zu groß, zu fest gefahren und in sich zu verschlossen, um das zu sehen. Es gibt dieses dauerhafte Wachsen der Dinge und das Entstehen von Neuem. Das ist wahrzunehmen, ist etwas sehr Bedeutsames und dabei spielt das Individuum eine große Rolle.

F.M.: Hier hat der Mystiker, und haben Sie in meiner Sicht als ein Künstler mit Tiefenblick eine große Rolle. Sie ist geradezu prophetisch. Der Prophet hier verstanden als einer, der an kritischen Wendepunkten versteht und darauf hinweist, wohin die Entwicklung läuft. Nur so lassen sich dann auch ethische Konsequenzen vollziehen. Hier nehmen Sie im Augenblick, wo wir mitten in einer globalen Krise stehen, eine wichtige Position in der Kunst und in der Gesellschaft ein.

B.V.: Oh, das ist ein großes Wort. Danke. Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Sie bringen mich in Verlegenheit.

F.M.: Nun, sie bringen eine neue Anziehung in die Kunst. Sie fordern den Betrachter dazu auf, wirklich die Augen zu öffnen und die Bilder mit Zeit, Aufmerksamkeit, Nachdenken und geradezu leibhaftigem Interesse zu sehen. Sie zwingen die Leute geradezu, Stellung zu beziehen und auf diese geradezu lebendig agierenden Bilder geradezu leibhaftig zu reagieren.

B.V.: Lassen Sie mich auf einen Punkt zurückkommen, den Sie vorhin angesprochen haben. Ich bin da mit meiner Antwort nicht zu Ende gekommen. Vor vielen Jahren, aber nicht mehr zur Zeit des Kunststudiums, da war ich sehr bemüht, das richtige technische Wissen zu erwerben. Später dann, ich war vielleicht schon in den Vierzigern, da begriff ich, dass all diese Maschinen und Kameras, mit denen wir unsere Aufnahmen machten, die waren leicht zu handhaben, das rechte Licht zu erfassen, waren sogar in der Lage, die aktuellen Photonen des Lichts aufzunehmen, wie sie in den Kosmos hineinströmen. Ich denke hier auch an die Schallwellen, wie sie aus unserem Mund heraus kommen und in die Welt treten. Man kann sie im Augenblick einfangen, festhalten und für einen späteren Zeitpunkt aufbewahren, um sie dann wieder  abzuspielen. Das ist ein geheimnisvoller, wunderschöner Prozess, den ich letztlich nicht einmal ganz verstehen möchte. Ich möchte das alles nicht bis ins letzte Detail analysieren, aber es sind wirklich wichtige Vorgänge. Später begann ich dann für mich zu begreifen, dass die Bilder, wie sie sich nachher bilden, nicht wirklich sichtbar waren. In jüngeren Jahren verbrachte ich die meiste Zeit damit, die Welt um mich herum zu fotografieren. So erhielt ich ein Bild von einem Baum. Ich liebe Bäume. So ging ich hinaus und nahm einen Baum auf. Später sah ich ihn dann auf einer Video-Leinwand: wunderbar. Ich war zufrieden. Doch dann war ich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr zufrieden. Ich fragte mich, was ist eigentlich unter dem Baum? Wie sieht sein Innenleben aus? Warum steht der Baum da? Ich begriff, dass der Baum wie alles andere auch eine vorrübergehender Struktur der Zeit ist.  Wenn Sie in tausend Jahren zurückkommen, wird dieser Baum nicht mehr da sein. Und wo wird dann die James Cohan Gallery in einigen Millionen Jahren sein? Also ich begann, mich mit solcherlei Fragen zu befassen und ging danach in meiner Arbeit tiefer unter die Oberfläche.

F.M.: Sie fragen also, schreiten fragend voran. Waren sie von der finderischen Kraft solchen Fragens berührt? Führten sie Sie zu neuen Formen?

B.V.: Schauen Sie, ich kann Bilder schießen wie diese hier. Sie kommen alle aus einer Art Traum oder einer Erinnerung. Und Menschen, die sie sehen und vielleicht dieselben inneren Erfahrungen teilen, aber nicht die Fähigkeit, sie äußerlich wahrzunehmen, können sie dann verstehen. Das ist eben meine eigene Entdeckungsreise, so zu arbeiten, dass ich mehr Dinge sehe und sie berühre als andere. Wenn ich sie dann unter die Leute bringen kann und ihnen dann die sie tragenden Erfahrungen übermittle, ist das wundervoll, denn sie können sie dann für sich selbst benutzen. Schauen Sie, ich kümmere mich nicht darum, dass meine Kunst schön ist und die besten Kritiken in der New York Times bekommen, oder in vielen Galerien verkauft wird. Was mir wichtig ist, ob sie brauchbar sind. Sind sie nützlich? Kann man damit leben? Können Sie sie brauchen? Alles das entdeckte ich damals in Japan, wo ich das Jahr 1980 verbrachte. Kira, meine Frau, und ich lebten dort im Rahmen eines kulturellen Austauschprogramms. Ich weiß noch, wir waren damals einmal im „Suntory Art Museum". Da war eine Ausstellung mit diesen Wesen zu sehen. Es ging um diese Wesen, die auf die Erde kommen, um den Menschen zu helfen. Wir standen jeden Morgen allein im Museum und betrachteten die wunderbaren, lebensgroßen Statuen, wie sie da der Reihe nach aufgestellt waren, vielleicht zwölf an der Zahl. Sie waren sehr alt und stammten aus dem Mittelalter. Als wir den Museumsführer in die Hand nahmen, um Näheres über die Skulpturen zu erfahren, stand  plötzlich eine ältere japanische Dame hinter uns. Sie entschuldigte sich und drängte sich etwas an uns ein wenig vorbei zu den Statuen. Vor jeder einzelnen von ihnen verbeugte sie sich. Mit einer Art silbernem Gebetsschal berührte sie dann jede einzelne von ihnen. Dann trat sie etwas zurück. Mit einer sehr tiefen Verbeugung verabschiedete sie sich von ihnen und ging ihrer Wege in den Tag hinein. Ich war etwas sehr irritiert, wenn nicht schockiert. Im Museum berührt man keine Kunstwerke. Nicht einmal die Wärter schritten dagegen ein.

F.M.: Die Frau zeigte ein Verhalten, dass man in der Kunst nicht sieht.

B.V.: Ja, sie zeigt uns mehr als Formbetrachten, Datenlesen, Stileinordnen. Sie entlarvte uns als Typen, die auf den Computer schauen, auf die Tastatur hier, den Bildschirm da und die Festplatte dahinter. Alles ist getrennt und nicht wirklich miteinander verbunden. Wir schauten auf die Statuen wie auf Designobjekte. Sie aber war diejenige, die sie in Kunst überführte. Sie wurden lebendig, atmeten, wurden kraftvoll. Als Kira und ich in Japan lebten, spürten wir in den Tempeln, dass alle diese Dinge eine spirituelle Kraft besitzen. Kamen wir nach Amerika zurück und gingen hier in die Museen oder sonst in Europa oder in Deutschland, war es überall dasselbe. Wenn man ruhig ist und sensibel wird, dann spürt man das, dann sprechen diese Werke zu einem. Und das ist ein sehr ernste, eine wirkliche Erfahrung.

F.M.: Ich verstehe. Wenn ich das jetzt auf Ihre letzte Ausstellung in Chelsea übertrage, dann kommen mir die beeindruckenden Four Hands, 2001, in den Sinn. Nicht nur da spüre ich, um was es Ihnen eigentlich in der Kunst geht: reale Erfahrungen zu vermitteln. Es geht Ihnen letztlich nicht um Gestaltung von Oberflächen und inneren Zusammenhängen, sondern darum, dass sie etwas ausstrahlen und vermitteln wollen.

B.V.: Und das ist etwas Ganzes. Das Ganze ist das Entscheidende. Wirklich!

F.M.: Herr Viola, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

Erschienen in der Kulturzeitschrift STIMMEN DER ZEIT,

Bd. 230 (August 2012), S. 529-540.