Künstlerische und mystische Aspekte der Devotion

 

Devotion, d.h. die Verehrung oder auch die Kunst der Hingabe, das sei eigentlich das einzige, was einen Menschen interessant mache, sagte der Maler Francis Bacon (1909-1992) in einem Gespräch. Solange es Religion gegeben habe, hätte man sich der Religion hingeben können - und in ihr den anderen Dingen des Lebens, dem Geliebten, dem Leben, dem Glauben an einen Gott... Ein solches Leben sei viel interessanter als die moderne Art von Hedonismus und Planlosigkeit. Dennoch aber verachte er diese frommen Menschen, weil sie in völlig falschen Vorstellungen lebten, die von ihren religiösen Ansichten herrührten.[i] Bacon war davon überzeugt, daß im Vergleich dazu ein ganz und gar glaubensloser Mensch, der sich aber total der Sinnlosigkeit des Lebens verschrieben hätte, die noch interessantere Person sein würde. Wie auch immer, gläubig oder ungläubig, eines eint solche Menschen in der Perspektive über das Zentrale im Leben: die Devotion.

Devotion, Verehrung, Hingabe, die beständige Suche nach Erkenntnis der Liebe - das ist auch die Spur, auf der das Lebenswerk der koreanischen Künstlerin Young-Jae Lee hinausläuft. Daraus lebt ihr keramisches Werk, aus denen sich ihre Gefäße und vor allem ihre vielen Schalen ergeben; darin gründet die geistige Haltung ihres Tuns.

 

Im Anfang ist das Gefäß

ein kleiner, runder Behälter aus festem Material; es ist für einen Inhalt geschaffen, der aus sich heraus keine feste Form hat und dem es - vorrübergehend - seine Form leiht. Als umfassende, tragende Hülle birgt das Gefäß das Inkontinente, das die vereinzelnden Körner oder das Flüssige: alles das, was durch sich selbst keinen Halt herstellen kann. Gefäße dienen von Anfang an dem alltäglichen Gebrauch: zum Nehmen und Geben oder zum Verwahren. Bestimmten Inhalten sollten sie dienen; dafür werden sie geschaffen. Leer, wie sie zunächst sind, warten sie auf Füllung. Das ist ihre Bestimmung.

 

Geformter Ton

Im gebrannten Lehm, d.h. im Ton liegt der Anfang des Gefäßes. Einer der Urmythen des Abendlandes erzählt es so in der Bibel. Interessant ist dabei, daß im Hebräischen für Mensch und Ton das gleiche Wort verwendet wird: adam und adamah. Wie ein Töpfer schafft Gott den Menschen aus dem Ton, d.h. aus Wasser, Erde, Feuer, Wind. Der Ton gerinnt unter der schöpferischen  Hand zum Gefäß. Dieser Vorgang ist zugleich eine Vorlage für ein anderes Erschaffen, nämlich des Menschen. Der Prophet Jeremia variiert später dieses Bild, wenn er das Verhältnis Gottes zu seinem Volk Israel nach dem Verhältnis von Töpfer und Werk beschreibt. Da schickt Gott den Propheten in die Werkstatt eines Töpfers: So ging ich ... hinab - heißt es da - der Töpfer arbeitete gerade mit der Töpferscheibe. Mißriet das Gefäß, das er in Arbeit hatte, wie es beim Ton in der Hand des Töpfers vorkommen kann, so machte der Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß, ganz wie es ihm gefiel (Jer 18, 3f.).

Im Deutschen kommt das Wort Gefäß vom Verb fassen und bedeutet so viel wie ergreifen, fangen, einfassen, zusammenpacken, aufladen, kleiden, auch schmücken... Im Alt-Englischen heißt fassen auch heimholen, im Alt-Isländischen sogar: den Blick finden; diese gemeinsame Quellenlage führt dann zum Imperativ Faß!, d.h. zu der Aufforderung, etwas in ein Gefäß zu tun: fasse etwas ab, bring es in schriftliche Form; beschäftige dich damit. Gehen wir sprachlich vom Indogermanischen noch weiter zurück, zum Lateinischen und Griechischen etwa, dann bestimmt das lateinische continere eher dinglich das Fassen als zusammenhalten, umschließen und umfassen, aber auch als festhalten, mäßigen oder hindern; das griechische skeuos betont auch zunächst das Geräthafte, dann aber ist es im Übertragenen ein Bild für Leib und Seele; in der Sprache der Bibel wird gerne die Thora als ein konstbares Gefäß bezeichnet, was dann auch auf den Menschen selbst ausgeweitet wird, der als Gefäß von Gott geschaffen worden ist. Diese Vorstellung ist in der Bibel nicht nur sprachlich, sondern mythologisch grundgelegt, und zwar deutlich im sog. Zweiten Schöpfungsbericht. Als Gott die Welt machte, waren zuerst Himmel und Erde vorhanden; dann wurde der Mensch erschaffen:

Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen; denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen, und es gab noch keinen Menschen, der den Ackerboden bestellt; aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Ackerbodens. Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. (Gen 2,4-7). - So erhielt also der Mensch seine Gestalt in einer Art Gefäß. Es gab ihm nach außen eine Hülle, die im Innern den unsichtbaren Atem des Lebens bewahrte. Das Gefäß ließ den Raum in der anscheinend leeren Mitte aufscheinen.

 

Der Raum als Inhalt

ist das Gegenüber zur Form des Gefäß; beides ist ein Bild für den Menschen. Nicht von Ungefähr unterscheidet daher der Mensch am Gefäß einzelne Teile und Partien mit solchen Wörtern, die er sonst auch zur Beschreibung seines eigenen Körper benutzt; er spricht von Hals und Kragen, von Schulter und Bauch, von Bein und Fuß. Im menschlichen Alltag ist ein Gefäß zuerst nützlich, dann schön; es erzählt oder bewahrt in seinem Innern manche Geheimnisse oder Schätze des Lebens - und sei es das Andenken an einen Toten. So durch die Sprache verlebendigt, fungiert das Gefäß nicht selten als Spiegelbild zum Menschen. Durch das Einhauchen des schöpferischen Atems in den inneren, imaginären Raum erfüllt Gott diesen mit Leben und mit dem Aufschein des Göttlichen in seinem Sein und Sinnverständnis. Immer aber ist es der Mensch selbst, der diesen Sinn formuliert. Wieder und wieder entgleitet ihm dieser Sinn, wie er auch sich selbst entgleitet, doch stets räumt er ihn wieder ein: zuerst mit alten Relikten, dann mit neuer Erkenntnis und schließlich mit Kompositionen aus alten Ideen und frischen Visionen. In derartigen Bewegungen findet der Mensch seinen inneren Raum neu - um es mit den Worten von Eduardo Chillida (1924-2001) zu sagen - er lädt ihn mit allen Ahnungen und Empfindungen auf, und erfreut sich dabei seiner Fähigkeit, ihn gedanklich und künstlerisch zu fixieren und zu erschaffen. So transformiert der physikalische Raum zum künstlerisch ideellen: der Inbegriff von Wille oder Lust, von Reiz oder Liebe, von Vision oder Bild. Hier kreist der Mensch um jene offene Mitte, die wie ein geistiges Zentrum agiert und nicht nur die optischen Kräfte im Betrachter aktiviert. Denn in ihn hinein spiegeln sich paradoxerweise unendliche Möglichkeiten bis hinein in die Gestalten seiner Freiheit. Um es nochmals mit Chillida zu sagen:

Der Raum? <...> Ich könnte ihn mit dem Atem vergleichen, der die Form anschwellen und sich wieder zusammenziehen läßt, der in ihr den Raum der Vision eröffnet, unzugänglich und verborgen vor der Außenwelt. <...>  Dieser Raum muß ebenso erfühlt werden können wie die Form, in der er sich manifestiert. Er hat gewisse expressive Eigenschaften. Er versetzt die Materie, die ihn umgreift, in Bewegung, bestimmt ihre Proportionen, skandiert und ordnet ihre Rhythmen. Er muß seine Entsprechungen, sein Echo in uns finden, er muß eine Art geistige Dimension besitzen.[ii]

Wenn die ursprüngliche Funktion des Gefäßes im Aufbewahren liegt, dann ihr philosophischer Sinn, unsere Vorstellungen und Fragen nach Sein und Sinn aufzubewahren, die Fragen nach Leben und Zukunft, nach künstlerischer Form oder musikalischem Klang. Ins Gefäß hebt der Künstler, der es schafft, wie der Mensch, der damit lebt, seine Gedanken und seine Fragen auf. Daher sind diese Gefäße auf eine besondere Weise auch dann gefüllt, wenn sie leer sind. Sie ziehen geradezu wie von  selber ihr Sein aus den fragenden Augen der betrachtenden Menschen heraus und füllen sich wie der Atem stets und ständig in die Leere hinein.

 

Die Schale aber

ist das offene, schüsselartige Gefäß; auch sie hat ihre Ursprünge, genaugenommen zwei: dem Material nach in der feuchten Erde, der Form nach im Knochen einer halben, abgeschlagenen Hirnschale, die letztlich aber wieder zu trockener Erde wird; die Schale im Anfang - als Trinkbehältnis wohl aus den abgetrennten Hirnschalen erschlagener Feinde, später als eine Formvariation des Gefäßes.

Die Schale gehört mit Schüssel und Teller zur Gattung der weit geöffneten Gefäße. Alle drei Formen eint der sich öffnende oder ausladende Abschluß. Mit der Schüssel hat die Schlale einen flachen Bauch gemeinsam, in den sie ihren Hohlraum ausbildet; gegenüber dem horizontal bestimmten Teller behauptet sie einen formgebändigten Drang zur Höhe; in beidem liegt ihr Wesen. Schalen streben nach oben. Sie bieten geradezu gestisch ihren Inhalt zum Himmel hin dar, auch wenn das Innere leer ist. Diese flachen Gefäße haben darum neben ihrem nützlichen auch einen ästhetischen, einen kommunikativen, ja einen sakralen Charakter. Inmitten ihrer ausdrücklichen Horizontalität eröffnet sich das Vertikale.

Mit den Gefäßen allgemein sind besonders die Schalen dem eng gezogenenen Kreis ihrer bloß nützlichen Funktionen enthoben. Sie tragen einen autonomen Charakter und werden so zu künstlerischen Gegenständen. Ihre Formidee empfängt die Schale aus der streng geometrischen Grundform einer halben Kugel, die sie unentwegt umspielt, kreativ transformiert und individuiert. Als brauchbarer Gegenstand trägt sie zuweilen als kostbarer Behälter hier den Begrüßungstrunk an den Gast, bewahrt dort köstliche Ingredienzen auf, oder sie verrätselt sich schließlich, leer wie sie meist ist, in die weiten Möglichkeiten, sie zu füllen.

Früh schon wird das Füllen von Schalen mit bestimmten symbolischen Handlungen verbunden, seien es alltägliche Zeremonien oder religiöse Riten. Darum zählen sie von Anfang an zum Sakralgeschirr. In der Bibel ist mehrfach in verschiedenen Wörtern von ihnen die Rede. So gibt es beispielsweise eine Schale (saf), die mit Blut gefüllt wird, um damit im Exodus die Türpfosten zu bestreichen (Ex 12,22); im Buch der Könige befiehlt der Prophet Elischa, eine Schale (sallahat) mit Salz zu füllen, das er dann mit einer symbolischen Handlung in eine Quelle schüttet, um das Wasser gesund zu machen (2Kg 2,20), und in der Apokalypse gießen sieben Engel aus sieben Schalen (phiala) den Zorn Gottes über die Erde aus (Apk 16,1-21).

Solche Schalen stehen auf einem flachen Fuß und laden sich weit ins Horizontale aus. Sie werden mit beiden Händen gegriffen und bedächtig entleert. Als Gegenstände besonderer Art sind sie dem Zwischenbereich von Handwerk und Kunst zugeordnet, im Gebrauch der Religion, in ihrer Zierde der Ästhetik. Sie stehen gestapelt herum und warten auf ihre Benutzung - oder sie werden bewußt in den Raum gesetzt, weil sie selber Binnenräume bergen und mit ihren Umräumen eine besondere Einheit eingehen.

 

1111 Schalen der Hingabe

Joung-Jae Lee hat in den langen Jahren, die sie in Europa weilt, bei aller Offenheit, die ihr eigen ist, das geistige Erbe ihrer Heimat nie vergessen oder verdrängt. Ihre Identität ist bleibend geprägt und gespeist vom spirituellen Erbe Koreas, wo Kunst und Religion eng zusammengehören. Diese Verwurzelung versperrte ihr allerdings nicht die Entfaltung eines weit gefächerten Interesse für die Kultur und die Kunst des Westens. Hier trat sie als Keramikerin früh aus dem engeren Bereich des Angewandten heraus und öffnete sich der Weite des frei Künstlerischen. Damit steht sie als Keramikerin, als die sie sich ungebrochen begreift, zugleich im weiten Feld der Künste. Sie schätzt die schöpferische Zusammenarbeit mit Malern wie mit sensiblen Zeichnern und bleibt doch den strengen Regeln ihrer eigenen Zunft verpflichtet. Sie widersteht den Versuchungen, ihre Gefäße ins Skulpturale zu erweitern, sondern ist den klassischen Grundformen der Gebrauchs- wie der ästhetischen Keramik treu. Gerade hier mag der Grund liegen, daß immer wieder Kunst-Institutionen ihre Räume dem Schaffen von Young-Jae Lee öffnen. So ist es auch nachvollziehbar, daß sich ihre Werke in wichtigen Kunstsammlungen wiederfinden.

 

Schalen im Geist des Hohenliedes

Der Sinn für die Kultur des Westens bleibt bei dieser Künstlerin auf die Kunst, die Literatur und die Musik beschränkt. In Korea gehört auch die Religion dazu. Früh fallen ihr daher die mystischen Schriften der Teresa von Avila (1515-1582) in die Hand[iii]. Diese Gestalt der frühen Neuzeit Spaniens war eine außergewöhnliche, vielschichtige Persönlichkeit. In ihrem wirklichkeitsnahen Geist war sie ebenso gottergeben wie der Welt zugewandt. Sprachgewandt, fantasiebegabt, beeindruckend im Auftreten und in der Begegnung, wußte sie in ihrer Zeit Menschen, die wie sie auf der Suche waren, zu helfen, sich selbst und ihrer Zeit gerecht zu werden. Manche von ihnen prägte sie, zog sie an sich und setzte mit ihnen eine der größten Reformbewegungen im klösterlichen Leben ingang. Wichtig war ihr dabei der Ansatz, jegliche Frömmigkeit zwar auf Gott allein zu beziehen, sie dennoch aber an den Alltag und an die Erde zu binden. Der Mensch sollte lernen, Gott in allen Dingen zu finden und - wo auch immer - das Leben bis in die alltäglichen Vollzüge hinein zu bejahen.

Young-Jae Lee las interessiert und fasziniert in diesen Schriften und fand so bald zu ihrer Lieblingsschrift, einem kleinen Text. Es waren Teresas Gedanken zum Hohenlied der Bibel, das sie im Jahre 1574 zur geistlichen Erbauung ihrer Schwestern in den Reformklöstern verfaßt hatte. Diese Schrift wurde ihr zur immer wieder gelesenen Lektüre, ein überschaubares Werk, im dem die großen Grundzüge der teresianischen Spiritualität zusammenfaßt waren.[iv]

Es ist für eine Frau im 16. Jahrhundert ungewöhnlich - selbst wenn sie eine Nonne war -  ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit einem biblischen Buch in ihrer Muttersprache niederzuschreiben und dann auch noch verbreiten. Es war immerhin die Zeit der Bücherverbote und der Inquisition. Aber Teresa ließ sich nicht davon abschrecken, ihre Gedanken aufzuschreiben, vor allem dann, wenn sie im Gedanken an die Liebe wurzelten.

Das Hohelied handelt von der Liebe zweier Menschen, die sich abwechselnd begegnen und dann wieder aus den Augen verlieren. Hier suchen sie sich, dort finden sie sich. Auf der einen Seite ist es die literarische Gestalt des König Salomo, auf der anderen Schulammit. In diesem biblischen Buch wird die Liebe als die elementare Macht des Lebens beschrieben: Stark wie der Tod ist die Liebe!<...> Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen! (Hld 8,6b.7a) Teresa überführt in einer sehr eigenwilligen und nur auf einzelne Verse bezogenen Auslegung dieses Liebeslied von der überwältigenden Erfahrung zwischen Mann und Frau in eine allegorische Deutung; entsprechend begreift sie das Bild als die Liebe zwischen dem Bräutigam Christus und der liebenden Seele als Braut. Damit verbindet sie zugleich eine aszetisch-mystischer Sicht, in dr sich das alltägliche Ringen um die rechte Form und die konsequente Ausrichtung der Liebe verstehen lassen. So wird die Liebe zum Grundprinzip des Lebens erhoben, auf das alles andere hinausläuft. Die ganze Lebensführung mündet in diese Haltung. In diese Sehnsucht schwingen gleich zu Beginn des kleinen Büchleins einige Zeilen ein, die sowohl Teresa als auch Young-Jae Lee als permanente Einladung zur Lektüre begreifen:

Da mir unser Herr seit einigen Tagen jedesmal, wenn ich einige Worte aus dem Hohenlied Salomos höre oder lese, ein so außerordentlich großes Geschenk gemacht hat, daß mir das <...> mehr Sammlung gebracht und meine Seele mehr bewegt hat als die vielen frommen Bücher, die ich verstehe.[v]

Diese erhebende Stimmung wird allerdings ständig durch alltägliche Erfahrungen gebrochen. Sammlung verfliegt, ernüchternde Zerstreuung stellt sich ein. An der letzten hohen Mauer vor dem gelobten Land der Konzentration und Versenkung scheitern auch Nonnen und Künstlerinnen.  Teresa aber sucht ihre Schwestern zugleich tröstend wie ermunternd kurz vor der Enttäuschung abzufangen:

Das ist etwas Unumgängliches und soll euch nicht ständig beunruhigen und betrüben. Im Gegenteil, lassen wir dieses Mühlengeklapper ruhig weitergehen, und mahlen wir unser Mehl, indem Wille und Verstand nicht zu wirken aufhören. Es gibt da ein Mehr und ein Weniger von dieser Störung, je nach Gesundheitszustand und Witterung.[vi]

War es die Sprache der Mystikerin oder war es die verblüffende Nüchternheit ihrer Lebenseinstellung, die Young-Jae Lee für diese Schriften gefangennahm? Nicht pure Neigung zur Meditation allein, wohl aber die augenscheinliche Nähe zwischen mystischer und künstlerischer Konzentration mögen die besondere Zuneigung zu dieser einfachen Schrift geweckt haben. Die immer gleiche Tätigkeit beim Drehen der Gefäße, die schnell eintretende Monotonie und leicht das Mißlingen eines Werks bei schwankender Aufmerksamkeit ließ die Künstlerin nach geistlichen Übungen suchen und greifen. Teresas Schriften wurden für sie wegweisend.

Die Mitte der beständig sich drehenden Lehmmasse behauptete sich als das einzig Konstante auf dem Weg zum Gefäß. Diese erfühlte Mitte sollte die Formgebung, wie aus der Konzentration des Töpferns herausläuft, prägen. Aus dieser Mitte heraus immer das Gleiche zu erwirken und darin doch jedem einzelnen Gefäß sein Eigensein zu verleihen, immer gleich und immer anders, darin liegt das tiefe und inspirierende Geheimnis dieser Jahrtausende alten Technik gebunden. Beständig auf der Suche nach dem Besonderen im Vielen, nach der einzigartigen Qualität, das ergibt sich aus der ebenso künstlerischen wie mystischen Erfahrung. Einmal das Gefäß schaffen - so ein naheliegender Traum - welches wert ist, alles Schaffen einzustellen, dazu mußte sich die schöpferische Aufmerksamkeit unentwegt und beständig in die drehende feuchte Masse hineinbegeben, uns in Liebe ein Werk zu erwecken und von innen heraus als etwas ganz Besonderes, Vollkommenes zu erschaffen.

1111 ist Young-Jae Lee diesen Weg für diese Ausstellung gegangen: genauer 1111 mal und 111 mal. Das sind nicht nur 1222 Wege, sondern 1222 mal die Suche nach der einen, letzten Schale; diese verrätselt sich und hebt sich symbolisch auf in die siebenfach komplexen Versuche, das Eine zu erreichen. So transformiert sich die Mengenzahl in eine einzige, lebendige Form des Weges zum Absoluten. Nicht auf eine bestimmte Zahl kommt es hier an, sondern auf eine Form für den Geist geradezu ritueller Wiederholungen auf dem Weg zum Vollkommenen, die sich einmal in den vier und dann in den drei Einsen verpuppen und verschlüsseln. Die sieben Einsen in den Zahlen der Ausstellung berühren sich mit der Eins, der Drei, der Vier und der Sieben der symbolischen Zahlenwerte. Sie ertasten das Vollkommene im einzelnen wie im Ganzen und damit zugleich das relgiöse Geheimnis der Welt, in welcher Konfession auch immer: Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est - heißt es in Friedrich Hölderlins (1770-1843) romantischen Grabspruch des Loyola. (Vom Größten nicht umfaßt, dennoch vom Kleinsten berührt zu sein: das ist das Göttliche.)[vii]

Kaum liegt das Göttliche im Blick, stellt sich schon wieder die Erfahrung der Ohnmacht und der eigenen Inkonsequenz ein. Der Mensch fällt auf dem Weg zum Vollkommenen wieder und wieder in Zerstreuung und Ablenkung zurück. Doch schon ist Teresa mit einer neuen Ermutigung zur Stelle, wird sie doch nie müde, ihren Schwestern unentwegt den Weg zur Geduld zu weisen und das Suchen nach einer höheren Vollkommenheit nicht aufzugeben:

So sollen wir uns also nicht über Ängste beklagen, noch mache es uns mutlos, wenn wir unsere Natur so schwach und kraftlos erleben, sondern bemühen wir uns, durch Demut uns zu kräftigen und klar zu verstehen, wie wenig wir von uns aus vermögen, und daß wir nichts sind, wenn der Herr uns nicht seine Gunst schenkt.[viii]

Das gehört zu den menschlichen Ermahnungen der Teresa an ihre Schwestern, sich nicht aufzugeben, die eigenen Kräfte nüchtern einzuschätzen, angesichts von Schwächen und Ängsten nicht in der Hoffnung und im Bemühen nachzulassen und das Besondere und Große im Inneren zu erwarten. Sie möchte den Menschen inmitten der Spannungseinheit zwischen ruhendem Zentrum und bewegtem Rand verstehen, um so vom Äußeren zur Mitte und vom Inneren zum äußeren zu gelangen. Für Teresa war die Seele das Zentrum der Person, die aber vom Menschen erst gefunden und eingefangen werden will. Hat sie die Seele selbst berührt - so die Erfahrung -  sdiese den Weg zur innersten Mitte wie von selbst fort. Wo immer der Mensch auf seinem Weg steht: nur von der Mitte seiner Seele kann er leben. Daß dabei andere, alle Aufmerksamkeit zerstreuende und vielfach die Zuversicht zersetzende Kräfte entgegenstehen, das ist eine Realität, die mit dem Leben selbst verbunden ist. Solche Schwankungen seien ganz normal und von ganz alltäglichen Dingen abhängig, meint Teresa.So manche Störung läßt sich nicht auf ein bloßes Kommando hin beseitigen. Sie verdient es aber nicht, daß der Mensch sich deshalb als zerrissen und frustiert erlebt, rät Teresa. Man solle sie einfach links liegen lassen. Worauf es ankomme, ist die Hinkehr zu Gott, die freie Hingabe an Gott. Auch an dieser Stelle versucht Teresa, Wege zu einer inneren Gelassenheit zu ebnen, um dem Menschen die manchmal krampfhafte Sorge um seine Konzentration und Gottergebenheit nehmen. Es ist ein einfacher Gedanke, den Teresa dem Hohenlied entnimmt: die Vorstellung, daß Gott selbst eine ordnende Kraft im Innern des Menschen ist und man ihm daher durchaus diese Sorge überlassen könne: Er ordnet in mir die Liebe[ix], zitiert sie das Hohelied (2,4), und fährt später fort: So sehr brachte er sie in Ordnung, daß die Liebe, die sie zur Welt hatte, sie verließ, und die zu sich zu Indifferenz wurde[x]..

Mit diesen Gedanken begegnen wir wieder Joung-Jae Lee. Bei ihr fließen die Spiritualität der Teresa und das Streben nach einer angemessenen geistlichen Haltung beim Erschaffen offener Schalen ineinander. Es sind Mut und Ausdauer, die sich bei der Lektüre der Schriften dieser so ungemein praktisch und doch mit kühnen Gaben und Plänen erfüllten spanischen Mystikerin einstellten und die sie bei ihrem eigenen schöpferischen Tun begleiteten und inspirierten. Beide Frauen sind davon überzeugt, daß die entscheidende Lebensaufgabe des Menschen letztlich darin besteht, daß er als geistiges Ebenbild Gottes die ganze geschaffene Welt, so wie sie ist, annimmt und von innen her als Gottes Welt erkennt. Sie liebend und dankbar aufzunehmen, ist der Gedanke, und die Hingabe dazu in Beruf, Gebet und Liebe ihre Form. Doch immer wieder taucht erneut die Frage auf: Wie erkenne ich diese Liebe?

 

Schalen der Erkenntnis

Wie erlange ich Erkenntis der Liebe? Diese Zeilen schrieb Joseph Beuys (1921-1986) vor heute genau fünfzig Jahren, 1966, in ein kleines Buch mit der Biographie von Ignatius von Loyola (1491-1555)[xi]. Die Frage weist auf eine Antwort, wie sie im Buch von dessen Geistlichen Übungen steht. Sie steht hier als eine Anweisung zur Betrachtung der Liebe und zu ihrer Überführung in die Praxis.

Die Betrachtung zur Erlangung der Liebe hat vier Punkte. Sie beginnt mit der Erinnerung an die Gaben Gottes, denen gegenüber eine dankbare Hingabe die angemessene Antwort ist. Sodann wird diese Gabe in ihren Entfaltungen gegenwärtig gesetzt: in den Elementen, in den Geschöpfen und in den Menschen. Doch hier ist der Mensch nicht untätig - so der weitere Punkt - sondern aktiv wirksam. Schließlich wird betrachtet, wie alle Gaben gleichsam von oben heruntersteigen und auf diese Weise dem Betrachtenden eine neue Sicht der Dinge, ein neues Selbstverständnis und ein tiefes Empfinden der Einheit von allem geschenkt werden. Diese Erfahrung vermittelt sich durch das Gefühl der Dankbarkeit und durch die Erkenntnis, daß es die Liebe ist, die dies alles ermöglicht. Die Liebe ist es dann auch, die zum Einschwingen in diesen Wirkzusammenhang einlädt, und das heißt: zum dienenden Mitwirken. Auf diese Weise steigt dann das wieder hinauf, was zuvor herunter-gestiegen ist.

Da die Liebe praktisch ist, also ihr Wesen im Vollzug, in der Beziehung hat, ist sie eine Mitteilung, ein Austausch von beiden Seiten. Jeder bringt ein, was er hat und was er kann. Jeder gibt dem anderen, was er nicht hat. Es ist ein ständiges Hin und Her, Auf und Ab, Geben und Nehmen. Die Liebe, von der hier die Rede ist, vollzieht sich aber nicht zwischen Gott (-Vater) und dem Geschöpf. Es ist eine allgemeine Auffassung in der Exerzitienforschung, daß mit dem Subjekt, der Schöpfer und Herr Christus gemeint ist, von dem rein textlich nicht gesprochen wird. Denn dieser Schöpfer und Herr ist gemäß der Theologie des Ignatius Christus, das menschgewordene Wort, das durch Wirken und Wesen allen Geschöpfen innewohnt und sich in seinen Kreaturen verhält, wie einer der sich abmüht. In diesem Abmühen kommt die theologische Auffassung zum Tragen, daß die Geschichte sich zwischen Kreuz und Endzeit abspielt. Diese Zwischenzeit ist bei Ignatius mythologisch gekennzeichnet durch den Kampf zwischen Christus und Satan. Das letzte Ziel der Schöpfung ist daher noch nicht offenbar geworden. Diese Erhellung des Blicks ist noch zu erringen. Daraufhin ist Christi Wirken ausgerichtet, dazu sucht der Mitstreiter. Dieses Wirken und Mitwirken - von mühsamer Arbeit ist die Rede - vollziehe sich nun in der ganzen Schöpfung: in den Elementen, in den Himmelskörpern, Pflanzen, Tieren usw., und auch im Menschen, dem Christus in begnadender Weise als Kraft, als reine Möglichkeit einwohnt. Aus dieser Tatsache realisiert der Mensch Gerechtigkeit, Güte, Pietät, Barmherzigkeit usw.

Für Ignatius wie für Beuys, für Teresa wie für Young-Jae Lee ist diese Liebesbetrachtung keine Theorie. Für Mystiker wie für Künstler resultiert sie aus einem inneren Erfahren und Kämpfen. Für Ignatius und für Teresa geht es dabei um die Ausbildung eines Sensoriums zur Realisierung der innersten Bewegungen und Regungen im Menschen und ihre Unterscheidung bei der Frage, was sich daraus für das je persönliche Leben vor Gott ergibt. Für Künstler, ob Bacon oder Chillida, Beuys, Lee oder andere geht es um die aus Konzentration und Hingabe erworbene Wahrnehumgs- und Erkenntniserweiterung. Im Wort und Werk, in Schrift und Lebenszeugnis werden so Künstler wie Mystiker zu Wegweisern für andere Menschen. Allen geht es um die Transformation konkreter Prozesse des Lebens, der Natur und der Geschichte. Alle brauchen sie Geduld und immer wieder den geduldig zu übenden Versuch, um zum geistig-geistlichen Aufbruch zu gelangen, in Gelassenheit und Wagnis, in langen - magischen oder alltäglichen - Zahlenreihen sowie in der aufgeweckten Perspektive, das Vollkommene letztlich doch noch berühren zu können. Das wäre dann der Weg, auf dem die Erkenntnis über die Hingabe die Praxis der Liebe einholte.

 

P. Friedhelm Mennekes S.J.

 

Anmerkungen:



[i]. David Sylvester: Gespräche mit Francis Bacon, München (Prestel) 1982, 3. Auflage 1986, S. 136. [ii]. Eduardo Chillida in: Katalog Eduardo Chillida: Skulpturen, hg. von Carl Haenlein, Hannover (Kestner-Gesellschaft), 1981, S. 13f.

[iii]. Teresa von Avila: Gesammelte Werke, in vier Bänden neu herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Ulrich Dobhan OCD und Elisabeth Peeters OCD, Freiburg (Herder) 2003-05.

[iv]. Teresa: Gedanken zum Hohenlied, Gedichte und kleinere Schriften, im dritten Band der Neuausgabe, Freiburg 2003, ebd., S. 54-127.

[v]. Ebd., Nr. 1, S. 55.

[vi]. Teresa in: Wohnungen der Inneren Burg, im vierten Band der Neuausgabe, a.a.O., Freiburg 2005, Nr. 4M 1.13f., S. 149f.

vii]. Vgl. Hugo Rahner: Der Grabspruch des Loyola, in: Ders., Ignatius als Mensch und Theologe, Freiburg (Herder) 1964.

viii]. Teresa Gedanken zum Hohenlied, Nr. 3.12, S. 96.

ix]. Ebd., Nr. 6.11, S. 117.

x]. Ebd., Nr. 6.13, S. 118.

xi]. Belegt und abgebildet in: Friedhelm Mennekes: Joseph Beuys: MANRESA. Eine Aktion als geistliche Übung zu Ignatius von Loyola, Frankfurt am Main (Insel) 1992, S. 40.

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