Über Dialektisches in der Malerei von Marta Guisande

 

Es sind trockene, spröde Leinwände, farblich leise, zart sogar. Kein Gegenstand hält den Blick. Er erhebt sich von selbst in Bewegung, schwebt langsam über dem Bildfeld Die Augen kreisen wie ein Bussard beim Anblick seiner Beute, sie schauen, fixieren, warten und wachen, erfassen - um sich dann plötzlich entlang den Blickachsen hinabzustürzen und zuzugreifen. Bilder wie graue Erde, wie brauner Humus, manchmal wie ein brauner Vogel.

Braun scheint die Bildwelt von Marta Guisande. Ihre Subsubstanzen erinnern an irdene Materie.Sie spiegeln die Welt der Mineralien, weithin Braun-, Grau-, Schwarz- und Weißatmosphären. Hier und da reflektieren auch stärkere Farben. Aber sie halten sich zurück. „Who is Afraid of Red, Yellow and Blue?" - möchte man mit einem Bild im Kopf von Barnett Newman fragen. Doch die Idee verliert sich schnell.

Es strahlt kein Glanz in diesen Bildern. Und wenige Ölspuren finden sich. Hier dominieren die opaken Farben aus Eitempera, Kasein oder Acryl. Ihr schnelles Trocknen erzwingt ein behendes Arbeiten. Seit der ausgereiften Erfindung des Acryl in den 60er Jahren greifen viele moderne Künstler bevorzugt zu diesem Farbmedium. Es ist ein industriell hergestelltes Produkt. Je nach Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit, je nach Beschaffenheit des Untergrunds lässt es sich innerhalb kürzester Zeit mit anderen Farben vermischen oder nach deren Trocknen in einigen Minuten wie ein fester Gegenstand wieder übermalen. In diesem Material entstehen ganz andere Bildwelten als im schwerfälligen Öl. Das leichtere Acryl reagiert schneller. Gut geführt, gewinnt es Transparenzen.

Marta Guisande malt spontan und zügig. Ihre Art zu malen entspricht der Beweglichkeit dieser Farben in Sein und Wirkung. Aus beidem, Material und schnellem Malen, entsteht ihre Bildwelt. Aber das hohe Tempo findet seinen Gegenschlag im Innehalten: Bedenken, Warten, Zweifeln. Ratlosigkeit. Ihre Malweise ist dialektisch eingebunden in Gegensätzen: Hell-Dunkel, Schnell und Langsam, Offen-Geschlossen, Geometrisch und Biomorph, Materie und Geist... Gegensätze, die als Polaritäten wirken und darum immanente Widersprüche freisetzen. Das macht die Dynamik ihrer Bilderwelt aus.

Anfangs agiert die Künstlerin spontan vor der Leinwand, zuweilen, so scheint es, fast aktionistisch. Doch jede ihrer Bewegungen findet zur Ruhe zurück. Mit dem manchmal gestisch gelenkten Farbfluss, geht stets eine Reflexion einher. Nur braucht sie den Augenblick, in dem der Schwung stockt. Klug wartet sie zu, bis der Malakt ausläuft, um sich als Bedenken einzumischen. Konzentration stoppt den mutigen Ausdruck. Das Explodierte erdet sich. Am Ende geht das  Einzelne im Ganzen auf wie die Erregung in der Ruhe. So werden die Pole deutlich, die das Besondere in einem fast gesättigten ‚Zwischen' binden.

Die Beruhigung stellt sich nicht automatisch und von selbst ein. Vielmals wiederholen sich vielfach die Prozesse. In ihrer Arbeit vor dem Bild ist die Künstlerin gezwungen, in geradezu rhythmischen Bewegungen aus- und einzusteigen. Reflexion und Zweifel stehen zwischen diesen Phasen. Der ausholende Schwung des mutigen Zupackens im Farbauftrag läuft stets in ein Befragen und Suchen zurück. Das Bild erlebt die Phasen seiner Verunsicherung. Viel Zeit und Bedenken, viel Stillstand und Ratlosigkeit formen sich so in das Bild ein. Immer wieder setzen ihre Farbwahl, ihr klarer Aufstrich überraschende Formen, die sich anschließend vor einem genauso skeptischen wie reflektiven Urteil zu behaupten haben. Nicht selten lässt sich neben Zweifel auch Verzweiflung nieder. Die Korrekturen steigern sich in eine eigene Welt. Längst geht es nicht mehr nur um das Retouchieren und transparente Überlagern des ursprünglich Ausgelösten und Gesetzten. Manche Formen scheinen auf ein stringentes inneres ‚Nein' zu stoßen, das aggressives Auslöschen, Auskratzen, ja Verwerfen und Zerstören zur Folge hat. Das kann bis zu Verletzungen auf der Leinwand führen. Neue Farbschichten legen sich übereinander. Ein zarter Hauch weht hier über dem Untergrund. Transparente Farbe wechselt dort zu opaken Flächen.

Alltag und Realität der Künstlerin: Ihre Bilder wachsen in Zeit und Dauer, Akzeptanz und Auslöschen. Manchmal verlieren sich die nassen Farben in einen nicht getrockneten Grund, manchmal stoßen sie sich hart aneinander - wie harte, unverrückbare Gegenstände. Doch dann wieder breitet sich über das Ganze eine Art Schleier, der alle Unruhe unter sich birgt und dem Bild eine tragende Atmosphäre schenkt - bis hin zu seinem geheimnisvollen Ertrinken in Monochromie. Das sind dann die letzten Phasen, in denen sich die Bilder verdichten, sättigen und in eine gefüllte Ruhe aufheben.

Am Ende finden die Bilder von Marta Guisande zu ihrer Unverwechselbarkeit, zu ihrer stillen Welt mit tiefen Gründen. Die gerühmte Ausstrahlung dieser Werke fasst viele Antagonismen zusammen und hebt sie dann in eine spannende Form auf. Ihre Bilder haben eine wohltuende Wirkung auf den Betrachter, die manch einer als ‚schön' empfinden mag, die aber über das bloße Gefallen weit hinausreichen. Diese Bilder gewinnen ihre Lebendigkeit aus einer ‚gefassten' Ruhe, die freilich in einem mühsamen, manchmal schmerzvollen Prozess errungen sein will.

So gegenstandslos diese Bilder sind, so sehr leben sie doch aus den Ereignissen des Malprozesses, die in sie eingewirkt haben. Es sind Werke, die keine autonome Farbwelten eröffnen. Hier triumphiert keine Makellosigkeit, die das Individuelle überwindet, hier zeigen sich Spuren des persönlichen Ringens und Kämpfens in einer unverwechselbaren Handschrift. Der dialektische Prozess, der zum Tragen kommt, lebt aus Aufbau und Niederreißen, er zeugt vom souveränen Pinselzug ebenso wie von attackierendem Zerstören der Oberflächen. In deren Folge werden die Farbzonen getrennt, zerfurcht und gebrochen. So laufen die Bilder aus der Farbe ins Zeichnen zurück. In großen Gesten werfen sich diese Linien in die Farbe, manchmal mehr ‚gebaut' als gezogen.

Bei stechendem Schauen enthüllen die Bilder eine differenzierte Spannungsebene. Manchmal haben sie geometrischen Charakter, manchmal einen biomorphen. Hier verlaufen konstruierte Achsen in waagerechten und horizontalen Richtungen aus, dort neigen sie sich leicht ins Diagonale. Diese Linien werfen ein Blicknetz aus, das für die Bilder dieser Künstlerin kennzeichnend ist. Alle sind sie gebunden in einer Tendenz zur Mitte und zugleich einer Dynamik von unten nach oben. Obwohl diese Geraden nur Formen sind, die nichts abbilden wollen, erinnern sie zuweilen an Gewächse in der Natur. Und doch stellen sie nichts mehr als Gerüste dar, ‚Gerüste' der Malerei. Von Anfang an versucht Marta Guisande alle Assoziationen auszumerzen - und bleibt am Ende doch nachsichtig gegenüber den möglichen Einfällen des Betrachters, besonders dann, wenn sie eine Offenheit zu Landschaften und Natur von Ferne anklingen lassen.

Bei allem Pathos und Gefühl, das in sie eingeflossen sein mag, entstammen diese stimmungsvollen Bilder geometrischen und logischen Konstruktionen. Rationale Gerüste binden sie, dialektische Vernunft ruft sie ins Leben. Das mag an der spanischen Herkunft der Künstlerin liegen. Sie kann sich auf die Landschaft ihrer Heimat und ihre Farben einlassen, die in Grau- und Braun- und Schwarz- und Blau- und Weißtönen, die aus ihrer Erinnerung auftauchen.

Sie vielleicht sind es, die allen Anfang machen und sich spontan auf die Leinwand legen, um sich geschwind ins Gerüst erheben zu lassen. Die senk- und waagrechten Linien ziehen sich dann wie Raster auf die Fläche, verbinden sich mit den Farben und reißen sie in der Dramaturgie eines einzigen Augenblicks hoch. Das Bildgerüst steht, die Farben hängen daran. Bald beginnen neue Phasen. Nach einem chaotischen Aufbruch aus Temperament und Explosion verliert das Gerüst die Eigengesetzlichkeit der Schwerkraft: die eigentliche Geburt des Bildes. Linien und Stangen werden ausgelöscht, das Bild findet seinen Halt in sich selbst. Es schwebt und schwingt und kreist; langsam und langsamer, bis es vielleicht sogar in der Luft für einen Moment stehen bleibt. Die Farbe mit den Resten des Gerüsts. Wie ein braunes Blatt, das langsam zur Erde zurück segelt, fast, als wollte es sich mit seinem Stengel in die Erde, der es entstammt, erneut einpflanzen. Das Bild in schwebender Ruhe, im Zwischen von Farben und Linien, inmitten erhebender Atmosphären.

 

Friedhelm Mennekes

 

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