Den farblich strengen Skulpturen von Alexander Esters (geb. 1977) geht eine bunte Welt voraus: meist großformatige Leinwände, die sich aus vielen Farbflächen zusammensetzen. Abstrakte Formen, die sich im Bild zu bedeutungsvollen oder ironischen Figuren fügen. Die Titel, die sie begleiten, weisen fantasievolle Wege zu Geschichten, die hinter ihnen stehen.

Dieser Künstler arbeitet seit Jahren in der Technik des Linolschnitts wie wenige Künstler der Moderne auch. Denkt man etwa an die wegweisenden Arbeiten von Matisse oder Picasso. Am Anfang seines Studiums befasst er sich mit Philosophie und Druckgraphik. Konsequent entdeckt er ‚sein’ Verfahren und entwickelt es zu lang ersehnter Qualität, zu erfrischenden Bildern von ungesehener Kraft. Doch da ihm Linoleum als Material zu spröde ist, greift er zu PVC.  Leichter zu schneiden, größer im Format und differenzierter im Ausdruck. Gemalte Schnipsel bauen seine imaginären Bildwelten zusammen: Er zeichnet, schneidet aus, bemalt und druckt damit auf Leinwand. Eine lebendige Arbeitsweise bei der nicht etwa die naturalistische Darstellung von Person oder Perspektive im Vordergrund steht, sondern die Anordnung, Proportionierung und komponierte Farbgebung nach Sinninhalt. Alle Elemente eines Bildes werden zu einer konstruierten Einheit zusammengefügt. Weiche Gesichtszüge, geschwungene Haltung und eine üppige Darstellung der Perspektive ist im bizarrem Hintergrund verwurzelt.

Die Bilder sind verzaubernd und lassen sich nicht leicht in ein eindeutiges Verstehen einholen. Farbige Spuren verschieben sich gegeneinander als wollten sie zur dritten Dimension hin ausbrechen. Strich für Strich entfalten schräge oder parallele Linien ihre ersten Wechselwirkungen, necken die Blicke der Betrachter, die mal diesen, mal jenen Ansatz für einen imaginären Raum entdecken. Das ist das Leichte in diesen Arbeiten. Nichts sitzt fest. Viele Motive lassen sich ausmachen, Gesichter, Maschinen, Baum, Haus…; manche kunst-historische Andeutung erinnert frech oder hintergründig an Polke, Tatlin, Guston oder Goller.
Zwischen den Elementen ist Luft. Überall kann der Gedankenwind dazwischen wehen. So schweben die Bedeutungen im Offenen, bleiben im Spiel, das keiner gewinnt. Jetzt stehen Skulpturen im Raum, aus Esters reiner Bildwelt ausgerissen, von der Fläche losgelöst. Hier kämpfen sie behauptend weiter, um ihre verrätselnde Qualität beizubehalten und stellen sich der uns umgebenden Realität. ‚Im Ohr des Betrachters’ heißen sie, ‚Hässlicher Verlierer’ höhnen sie, ‚Blödkopf’ beschimpfen sie einander oder kommandieren eben ‚Lüg du Sau!’

Die Arbeit gehört in die Werkgruppe der Zauberspiegel. Esters benutzt das Attribut des Zauberspiegels als Synonym für Radio, Fernsehen, Computer und Internet. In fast vier Meter Höhe steht die Skulptur geschnitzt auf freiem Feld. Der bleiverglaste Bildschirm, im farbigen Oval düster gerahmt, wirkt schaurig, wie ein inthronisierter Geist: mythologische Tierköpfe oben im Profil, unten gehalten von aggressiv gespreizten Greiftatzen. Der Titel: ‚Lüg du Sau!’
Wer befiehlt wem? Die Skulptur dem Betrachter? Oder umgekehrt? Oder kommandiert es der Künstler gar? Mit dieser Arbeit scheint sich der Künstler auf der einen Seite aus seiner lebendigen Bildlichkeit zurückziehen zu wollen. Zugleich verschleiert er sein Werk hinter dem Titel und hält den Betrachter deutlich dazu an, selbst hinter den Sinn zu steigen, ihn eitel zu befragen oder souverän zu entlarven. Der Zauberspiegel wechselt von einer Bedeutung zur anderen und gibt vor, über geheimes Wissen zu verfügen.

Diese Figuren haben sich etwas bewahrt: einen Hintergedanken, vielleicht auch Lust auf Frechheit oder Beachtung. Sie verzehren sich nach einem Betrachter, der mit ihnen spielt. Er soll ihnen auf den Leim gehen - oder sie mit allen Mitteln entzaubern, mit Wut und Lug und Trug. - Und wenn er sich schneidet - Pflaster drauf!

Friedhelm Mennekes